Feuerprobe
Samstag, der 26. September, 19.00 Uhr
Wir sitzen schön gemütlich bei einem Glas Wein im Wohnzimmer nach dem Abendessen, erzählen irgendeinen Blödsinn und kichern herum, Füβe auf dem Couchtisch, im Hintergrund läuft Bruce Springsteens Magic, als das Telefon klingelt. Ich stöhne, stehe auf und gehe dran. Es ist Erics Bruder Brian, der von der Arbeit aus anruft, was für einen Chefkoch zur Stoβzeit sehr ungewöhnlich ist. Er spricht laut um das Geklirr und Geschepper der Restaurantküche im Hochbetrieb zu übertönen und fragt mich leicht aufgebracht: "Wie weit ist das Feuer von euch weg?" Ich bin verdutzt—was für ein Feuer??? Meint er vielleicht den Waldbrand irgendwo im Yellowstone Park? Nein, sagt er, er meine das Feuer direkt neben dem Skigebiet--seine Mitarbeiterin wohne in unserer Nähe und wurde gerade evakuiert. Wenn wir wegmüssten, könnten wir bei ihm unterkommen.... Wie bitte? Der angenehme Dunst in meinem Kopf ist weg und irgendwo in meinem Gehirn schalten sich ein kleiner Elektromotor und eine Neonröhre an. Drauβen sind noch 25 Grad Hitze und es pfeift ein wüstenartiger Sturmwind direkt auf unser von Bäumen umgebenes Holzhaus zu. Der Wind ist so stark, dass er durch die Türritzen pfeift und die groβen Wohnzimmerfenster nach innen biegt. Besonders nervig sind die lauten Holpergeräusche, mit denen die Gartenstühle auf der Holzterrasse herumsausen. Ab und zu knallt einer gegen das Geländer. Ich verkünde das eben gehörte an die anderen zwei auf Kohlenstoff basierenden Lebewesen mit heruntergfahrenen Groβhirnen im Raum, und alle drei pesen wir auf die Terrasse und blicken gen Südwesten. Tatsächlich sehen wir Rauchschwaden, die von dem gegenüberliegenden, dicht bewaldeten Bergrücken aufsteigen. Ich laufe zum Telefon und rufe unsere Nachbarn an—ja, sie wüssten Bescheid, sie waren das letzte Auto, das durchgelassen wurde bevor die Feuerwehr die Straβe sperrte und seien schon am Packen, wir könnten unsere Sachen in den groβen Metallschuppen eines anderen Nachbarn bringen. Ich soll bitte anrufen, sobald ich Flammen sehe, da wir ja von uns aus weiter gucken könnten. Ich verspreche das und sammle erstmal meine Gedanken. Ok, wir brauchen genauere Informationen. Zum Glück ist man ja heutzutage per Computermaus sofort auf der "Information Superhighway," denke ich noch. Ich klicke auf die Homepage der Tageszeitung. Nichts. Keinerlei Information. Ich klicke auf die Homepage der Feuerwehr. Wieder nichts. Nur ein paar Tips, wie man Waldbrände vermeidet. Super. Vielen Dank auch. Das Telefon klingelt wieder, es ist die Nachbarin. Sie sagt, dass man im Internet bei Twitter 'was erfahren kann. Gute Idee, wir schalten uns ein. Aha, tatsächlich, eine Meile südlich vom Skigebiet ist ein Feuer ausgebrochen, der Bridger Canyon wird evakuiert. Mehr erfahren wir nicht, die Leute sind wohl etwas zu abgelenkt um weiter zu twittern. Ich schalte das Radio ein, irgendwer wird doch wohl das Feuer melden, denke ich. Bei NPR läuft die Wiederholung eines politischen Interviews, ich drehe den Knopf weiter zu The Moose, unserem Class Rock Lokalsender. Endlich eine Durchsage: "Ein Waldbrand ist eine Meile südlich von Bridger Bowl ausgebrochen, alle Häuser in einem Radius von 5 Meilen werden evakuiert, die Strasse ist gesperrt, Anwohner nördlich der Absperrung sollen in die andere Richtung nach Clyde Park fahren, weitere Evakuierungen werden mit dem umgekehrten Notrufsystem gemelded." Holla, wir sind vielleicht 6 Meilen von dem Feuer weg. Ich schau immer wieder zu dem Berg 'rüber, noch keine Flammen, aber der Wind pfeift gnadenlos in unsere Richtung. Eric wütet schon in seinem Arbeitszimmer herum und packt Akten ein, ich mache mich daran unsere Pässe, Impfbücher, Zeugnisse, den Laptop und die externe Festplatte, Kameras, Fotoalben und vieles andere mehr in Taschen zu packen. Zwischendurch gebe ich unseren zwei Miezekatzen im Schlafzimmer Stubenarrest, damit die uns nicht noch in der letzten Minute abhauen. Liana, meine Tochter, rumort oben auf dem Speicher herum um das Allerwichtigste zu retten: Sleepybear, Bunner, Waddles, alles Stofftiere aus der Kindheit. Eric schüttelt schweigend mit dem Kopf und bringt schon mal ein paar Kisten in die Garage zum Auto. Ich höre ihn laut fluchen. Was ist los? Der linke Vorderreifen ist platt. Also erst mal den Reifen wechseln. Innerhalb von 30 Sekunden kommen hektische Mechanikergeräusche aus der Garage. Ich renne wieder nach oben um Klamotten einzupacken, alle zwei Minuten schau ich nach ob ich Flammen sehe. Es gibt wieder eine Durchsage: "Alle Anwohner der Skunk Creek Road werden evakuiert." Das ist die nächste Abzweigung! Jetzt wird's ernst. Das Packen läuft auf Hochtouren, wobei ich gar nicht genau überlege, was ich am besten gebrauchen kann, ich schnappe mir einfach Sachen, die mir in die Quere kommen. Wieder und wieder der Blick nach drauβen, noch keine Flammen in Sicht.
So langsam haben wir alle Lebensnotwendigkeiten zusammengepackt und zum Treppenhaus getragen. Das Telefon klingelt. Jetzt ist es soweit, denk ich mir, das ist die Evakuierungsmeldung, wir müssen abhauen. Ich atme tief ein, konzentriere mich auf Nervenstärke und hebe ab. Es ist Kevin, mein Sohn, der aus Deutschland anruft. Ich flippe aus und frage ihn, wieso er um 5 Uhr morgens noch wach ist und ausgerechnet jetzt anruft wo die Telefonleitung frei bleiben muss. Er will mir irgendetwas von einem Theaterstück erzählen. Ich schreie: ich hab' jetzt keine Zeit, das Haus brennt gleich ab und wir müssen türmen. Jetzt flippt er aus, und ich beruhige ihn, man sähe noch keine Flammen und vielleicht ginge es ja noch mal gut. Genervt leg ich wieder auf. Jetzt sitzen wir da und warten. Ich will gar nicht daran denken, wie die nächsten Wochen aussehen würden, wenn das Haus tatsächlich abbrennt. Ein paar Tage bei Brian wohnen, dann in ein Motel in Bozeman, jeden Morgen zur Arbeit, dabei Wohnung suchen, Papierkrieg mit der Versicherung, alles weg—alle Möbel, Geräte, Bücher, CD's, DVD's, das Gros der Klamotten, Bettwäsche, Handtücher, Bilder, Küchenkram, Fahhrräder, Skier, Sportsachen, Winterstiefel, Zelt, Werkzeug....
Eric knipst alle Räume als zusätzliches Beweismaterial für die Versicherung. Die Radiodurchsagen wiederholen immer den gleichen Text. No news is good news, denke ich mir. Mittlerweile ist es dunkel und man kann den Rauch nicht mehr erkennen—aber auch keine Flammen, und die müsste man im Dunkeln ja noch besser sehen können.
Gegen halb zwölf gehen wir ins Bett. Ich schlafe unruhig und schaue immer wieder aus dem Fenster, aber der Wind hat sich gelegt und man sieht nichts Verdächtiges.
Am nächsten Morgen ist der Rauch weg. Im Internet endlich ein Artikel: Das Feuer hat sich in nördliche Richtung bis auf 380 Morgen ausgedehnt, bis an den Parkplatz von Bridger Bowl. Da hat man mit den Schneekanonen Wasser auf das Feuer gespritzt, gleichzeitig wurden Löschhubschrauber eingesetzt. Aber das alles war nichts im Vergleich zu dem wichtigsten Faktor: um halb zehn gestern Abend hatte sich der Wind gedreht und das Feuer wieder zurückgeblasen. Mit anderen Worten haben wir ein riesen Schwein gehabt. Bis auf ein paar verkohlte Bäume blieb der schöne Bridger Canyon samt Skigebiet und Trophäenhäusern unversehrt. Und wir konnten alles wieder auspacken mit erneuter Dankbarkeit für das Dach über unseren Köpfen und Klamotten und dem guten Gefühl, dass unser Leben erstmal nicht aus sämtlichen Angeln gehoben wurde.

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Fire on our Mountain
Saturday, September 26, 7:00 pm
We have finished dinner and are spending a cozy evening in the living room with a glass of wine, bullshitting and giggling around, feet on the coffee table, Bruce Springsteen's Magic playing in the background when the phone rings. I sigh, picking up the receiver. It is Eric's brother Brian calling from work, which is highly unusual for a chef during peak hours. He speaks loudly over the clinking and clanging of a commercial kitchen during dinner rush and asks me in an excited voice: "How close are you to that fire?" I am perplexed—what fire??? Is he talking about the forest fire somewhere in Yellowstone Park? No, he says, he is talking about the fire right next to the Ski area—his coworker lives not far from us and is being evacuated. If we need to leave we are welcome to stay with him.... Excuse me? The pleasant fog in my head is gone and somewhere in my brain a small electric motor and a neon light have switched on. Outside it is still 85 degrees and a hot desert wind is howling directly towards our wood-sided house in the forest. The wind is so strong that it whistles through the door cracks and the big living room windows bow inward with each gust. Particularly nerve-wrecking are the loud shimmying noises of the lawn chairs scooting around on the deck. Every once and a while one of them crashes into the railing. I announce what I just heard to the other two carbon-based life forms with downshifted brains in the room, and all three of us run out on the deck and look towards the southwest. Indeed, we see smoke rising up from behind the forested mountain on the other side of the valley. I run to the phone and call the neighbors—yes, they were the last to make it up the canyon before the fire department closed the road. They are already packing, we are welcome to put our stuff in another neighbor's big metal shop. I'm supposed to call when I see flames, since we can see further from our house. I assure her that I will and take a moment to collect my thoughts. Ok, we need clear information. Luckily, in this day and age, we are only a mouse-click away from the information superhighway….. I click on the homepage of the local newspaper, Nothing. No information about a fire whatsoever. I click on the homepage of the fire department. Again nothing. Only a few tips about how to prevent forest fires. Great. Thank you very much! The phone rings again, it is our neighbor. She tells me that you can find out something on twitter. Good idea, we search twitter. Aha, indeed, a fire has broken out one mile south of the Ski area, Bridger Canyon is being evacuated. That's all we can find out, I guess people are too distracted to keep twittering. I turn on the radio, somebody is bound to broadcast the news of the fire. But NPR is repeating a political interview, I keep turning the knob to The Moose, our local classic rock station. Finally an announcement: "An active fire event is going on one mile south of Bridger Bowl, all residents in a five mile radius are being evacuated, the highway is closed, residents north of the area should avoid the canyon and drive to Clyde Park, further evacuations will be communicated through the reverse 911 system." Yikes, we are about 6 miles away from the fire. I keep looking over to the mountain, no flames yet, but the wind is howling mercilessly in our direction. Eric is tearing through his office and packing up his files. I start packing passports, immunization records, diplomas, the laptop and the external hard-drive, cameras, photo albums and many other things into bags. I interrupt my task to ground our two kitty cats to the bedroom, so that they won't be missing when it's time to go. Liana, my daughter, is rummaging around in the attic to save sleepybear, bunner and waddles, her stuffed animals from childhood. Eric shakes his head and carries a few boxes to the car in the garage. I hear him cussing. What's the matter? The left front tire is flat. Within a few seconds I hear the hectic sounds of mechanical tools on concrete. I run back upstairs to pack clothes, every two minutes I check if I can see flames. There is another announcement: "Residents of Skunk Creek Road are now being evacuated." Yikes, that's the next road down! Things are getting serious. We are packing like crazy and I don't even think about what I need most, I just throw things into bags as I come across them. Again and again I look outside to check for flames.
Soon we pretty much have all our necessities of life packed together and piled by the stairs.

The phone rings. So this is it, I think, the call to evacuate, we have to bail. I take a deep breath, brace myself and pick up the receiver. It's my son Kevin calling from Germany. I flip out and ask him what he is doing up at five in the morning and why is calling now of all times when we need the phone line to be free. He wants to tell me something about a play he's been to. I yell: I don't have time now, the house is about to burn down and we must get the heck out of here. Now he's flipping out, and I am calming him down, telling him we can't see any flames yet and it might be ok. Unnerved, I put the phone down again. We sit and we wait. I don't even want to think about how it would be during the next several weeks if we lost the house. After a couple days at Brian's, we would go to a Motel in Bozeman, go to work every day, looking for an apartment, fighting with the insurance company, all our stuff gone—furniture, appliances and electronics, books, CDs, DVDs, most of the clothes, linens, kitchen stuff, pictures, bikes, Ski equipment and other sports gear, winter boots, camping equipment, tools….
Eric is taking pictures of all the rooms in case the insurance company tries to screw us. On the radio, they keep repeating the same announcement. No news is good news, I figure. By now it is dark and you can no longer see the smoke---but no flames either, and they should be even more visible at night.
At around 11:30 we go to bed. I sleep nervously and keep looking out the window, but the wind has calmed down and I can't see anything suspicious.
In the morning, the smoke seems to be gone. Liana finds an article on the internet: The fire started at about 5pm last night and spread to 380 acres towards the north, reaching the parking lot of Bridger Bowl. There, they battled it using snowmaking machines and helicopters. But all these efforts were nothing compared to the most important factor: at nine thirty last night, the wind had changed direction and was blowing back against the fire. In other words, we were damned lucky. Aside from some charred trees, beautiful Bridger Canyon with its Ski area and trophy houses was saved. So we could unpack everything again, with renewed gratefulness for the roof covering our heads and our stuff and with the good feeling that our lives were not about to become completely unmoored for now. 
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