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Smalltalk Fiasko

Der Smalltalk ist genau wie jede andere Sprache—man muss ihn schon als kleines Kind gelernt haben um ihn perfekt und akzentfrei zu beherrschen. Für Deutschgebürtige stellt der amerikanische Smalltalk eine besondere Herausforderung dar, da man in Deutschland von klein auf mit einer dem Smalltalk genau entgegengesetzten, sachlich nüchternen Sprachethik aufwächst: "Red' vernünftig und mach nicht so ein Getue."  Man hat gelernt, dass Sprache in erster Linie als Mittel zum Austausch von Informationen dient, d.h., alle Laute, die man von sich gibt, sollten mit Bedeutungsinhalten verbunden sein. 
Dem ist aber nicht so in der Sprache des Smalltalks. Es geht weniger um den Austausch von sachlichen oder persönlichen Informationen, sondern in erster Linie darum, sich gegenseitig zu versichern, dass man freundlich gesinnt ist, keine Schieβerei anfangen will und in einer Happy-End-Welt lebt. Der Smalltalk besteht zwar auch aus Wörtern in der Form von Standardfloskeln (How are you doing, nice to meet you, have a great day usw.), doch läuft die wichtigere Kommunikation über den Tonfall und die Gesichts- und Körpergestik ab. Und da gibt es viele feine Schattierungen, die man als Nichtmuttersprachler bisweilen falsch registriert. Zur Orientierung sollte man sich an die Standardgestik amerikanischer Fernsehschauspieler halten: begeistertes Lächeln und Juchzen=Wiedersehensfreude; hochgezogene Augenbrauen und offener Mund=Erstaunen; schiefer Mund und gekräuselte Stirn=amüsierte Entrüstung usw.
Ab und zu habe ich das Gefühl, den Smalltalk schon (nach fast 30 Jahren) richtig gut zu können. Besonders wenn ich gut drauf bin, gelingt mir ab und zu ein Floskelaustausch so gut, dass beide Parteien froh lachend auseinandergehen, wie es sich halt für die Schlussszene einer amerikanischen Fernsehserie gehört. Aber wie das so ist im Leben, die Tatsache, dass man etwas tausendmal richtig gemacht hat hilft einem kein bisschen  weiter, wenn es 'mal total in die Hose geht.
Vor ein paar Wochen hatten meine Tochter Liana und ich einen langen Tag. Wir waren fertig mit unseren diversen Aufgaben an der Uni und hatten noch einige Erledigungen in der Stadt zu machen. Bei unserem letzten Stop ging es um ein Geschenk zum fünften Geburtstag von Lovis, der Tochter meiner Freundin Britta.  Hmmm, was machen fünfjährige Mädchen gern??? Liana dachte an ein paar Sachen zum Verkleiden, oder vielleicht 'was Schönes zum Basteln?  Gehen wir also am besten nach Michaels, ein Kaufhaus für allen möglichen Hobby- Bastel- und Handarbeitskrimskrams. Normalerweise gehe ich nicht so gern dahin, da mindestens die Hälfte des Inventars aus Hausmütterchenkitsch besteht und die Kundschaft und das Personal nicht so mein Fall sind. Wir sind also bei Michaels und schauen uns um—nein, die Kostüme sind alle doof, aber wir finden einen ganzen Gang voller Schaumgummibastelzeug, wählen einen kleinen rosa Cowboyhut (rosa ist Lovis' Lieblingsfarbe)

Lovis with horse

und verschiedene kleine Sachen zum Bekleben. Das ist gar nicht so einfach—sollen die Ornamente schon mit Klebstoff beschichtet sein oder nehmen wir welche aus der gröβeren Auswahl, die man noch einschmieren muss? Nach einigem hin und her entscheiden wir uns endlich für ein paar Sachen und gehen zur Kasse. Die rechte Kasse wird gerade frei, die Kassiererin ist typisch für Michaels (klein, um die 50, Brille, praktische Kurzhaarfrisur mit viel grau, freundliches, ungeschminktes Gesicht, birnenförmiger Körper, vernünftige Schuhe). Sie schaut schon erwartungsvoll in unsere Richtung und wir gehen hin und laden den ganzen Kram auf die Theke. Liana geht schon mal ein paar Schritte vor und guckt unbeteiligt aus dem Fenster, ich selber habe die Kreditkarte in der Hand und sitze geistig schon im Auto als, von uns beiden unbemerkt, die ersten Wölkchen eines perfekten Sturms aufziehen. Ich höre die Kassiererin irgendetwas sagen, habe aber den Eindruck sie spricht mit einer Kollegin. Aber nein, sie schaut mich neugierig an. "Entschuldigung, wie bitte?' frage ich, und sie wiederholt: "Sind sie verwandt?" Es dauert einen Moment bis ich die Frage verstehe, sie wiederholt die Frage nochmal und fügt hinzu, dass wir so aussehen würden als ob wir verwandt seien. "Oh, ach so, ja, das ist meine Tochter." "Ahhh" sagt sie, zufrieden nickend, "Mutter und Tochter. Ich dachte mir doch, dass Sie so aussehen, als ob sie verwandt seien." Ok, ich nicke zurück mit leicht abwesendem Lächeln. So'n Quatsch, denk ich mir, was interessiert die das. Allerdings ist mir auch klar, dass der Smalltalk bei allen Dienstleistungsjobs mit zum Beruf gehört und von der Personalleitung gefordert wird, besonders in so einem Laden. Mittlerweile hat Liana gemerkt, dass der Kassenvorgang doch viel länger als erwartet dauern wird--jedes kleine Teil wird sorgfältig ausgewählt und in Zeitlupe angeschaut und herumgedreht, eingescanned und in eine Tüte gepackt—und schlendert zurück und stellt sich neben mich, vielleicht um die Sache irgendwie zu beschleunigen. Es geht weiter: "Sie haben wohl ein kleines Mädchen zu Hause" bemerkt die Kassiererin froh und lächelt uns beide an. Ich zögere leicht verwirrt, was Liana dazu bewegt einzuspringen, und wir beide antworten gleichzeitig. Ich weiss nur, dass ich sagte "von einer Freundin" (it's a friend's), was Liana sagte, weiss ich nicht. Aus unerklärlichem Grund lösen unsere Entgegnungen einen Emotionsschwall in der Kassiererin aus. Sie legt noch mehr Pausen beim Einscannen ein (verdammt!)  und schaut uns bedeutungsschwer an: "Wie schaffen sie das nur... nein nein nein. Das wäre zu viel für mich. Das muss ja so schwer sein. Und gerade in dem Alter. Meine Güte! Das kann ich nur bewundern."  Liana und ich tauschen verblüffte Blicke aus. "Es ist ja schon schwer genug mit kleinen Kindern und glauben Sie mir, ich hab' auch ein paar groβgezogen, aber Zwillinge—du lieber Himmel." Sie schaut von mir zu Liana und wieder zurück. Plötzlich bin ich zu einer bemitleidenswerten Groβmutter geworden, deren Tochter mit ihren fünfjährigen Zwillingsmädchen bei mir im Haus lebt, dabei wollte ich doch nur schnell was bezahlen! Ich bin ratlos und friemele mit meinem Portemonnaie herum, sage aber nichts. Wir sind doch jetzt wohl fertig, die Ausgangstür ist gleich da vorne, im Geist gehe ich schon durch. Ausserdem hab ich keinen Bock, nach dem ganzen Tamtam irgendwelche langwierigen Erklärungen abzugeben. Ich schaue sehnsüchtig auf die Tüte, in die sie gerade das letzte Teil steckt, und zücke erleichtert meine Kreditkarte. Die Kassiererin hält jedoch inne und schaut mich mit groβen Augen an: "Wie schaffen sie das nur?" Ich hole Luft, werfe Liana einen hilflosen Blick zu und sage so lapidar wie möglich, "Tja, man muss das halt irgendwie managen." Liana glotzt mich entgeistert an, während die Kassiererin bewundernd mit dem Kopf nickt. Jetzt reicht's aber wirklich. Ich scanne meine Kreditkarte und strecke meine Hand aus um schnell die Tüte entgegenzunehmen und dann nichts wie weg, doch die Kassiererin reist erstmal langsam und sorgfältig den Kassenbon ab. Mein Arm ändert sofort die Richtung und ich schnappe mir resolut den mit einem groβen Plastikgänseblümchen versehenen Kuli zum Unterschreiben. Aber anstatt mir den Zettel endlich hinzulegen, stoppt sie ihre Bewegungen, schaut mich wieder an  und stellt mir die fatale Frage: "Wie heiβen die beiden denn?" Ich stocke. Mein Gehirn hat erstmal Sendepause und staunt nur schweigend über die reine Idiotie. Ein paar schwache Gedankenfetzen prallen lustlos voneinander ab. So vergehen ein bis zwei lange Sekunden in denen ich herumdruckse. Bevor ich mich durchringen kann, einfach ein paar Mädchennamen auszuspucken, sagt die Kassiererin erstaunt: "Oh, haben Sie's vergessen?"  Jetzt tut mir die Frau Leid, die fühlt sich bestimmt schon verarscht, und ich sage schnell: "Die eine  heiβt Lovis, den anderen Namen weiβ ich nicht mehr." Liana macht sich schnell vom Acker.
Ich bedanke mich überschwenglich, schnappe meine Tüte und renne durch die Tür nach drauβen in die Freiheit und die frische Luft, Liana fünf Schritte vor mir hat noch nicht 'mal die Tür aufgehalten.
Du lieber Himmel, was Bescheuerteres hätte ich wirklich nicht sagen können!
Wir laufen laut stöhnend und maulend zum Auto.
Unterwegs nach Hause läβt mir die Sache keine Ruhe, bis mir ein Licht aufgeht: Als Liana und ich gleichzeitig sprachen, sagte ich "a friend's" aber die Kassiererin verstand anscheinend "twins" (Zwillinge). Und das ist natürlich ein Bombenthema für Hausfrauen bzw. Kassiererinnen in Hausfrauenläden. Ich bin überzeugt davon, dass jede Eingeborene die Situation instinktiv irgendwie gerettet hätte.  Und die Moral von der Geschicht?  Selbst der Smalltalk erfordert volle Konzentration. Besonders wir Deutschamis müssen lernen, jeder zwischenmenschlichen Situation (und jeder Kassiererin) die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken, egal wie unwichtig sie uns im Moment erscheinen mag. Mit einer halbherzigen Einstellung haut man sich nur selber in die Pfanne. Höret auf Karoline!

 

 

Small Talk Fiasco

Small talk works just like any other language—you must have learned it as a small child in order to gain accent-free mastery. For those of us who grew up in Germany, American small talk presents a particular challenge, since we were raised with completely opposite ethics that value objectivity and a no-nonsense use of language: "Talk sensibly and don't be silly."  We were taught that the primary purpose of language is to communicate factual information and that the sounds that one produces with one's mouth are supposed to be tied to actual content. 
However, this is not the case in the language of small talk. It's primary function is not the exchange of factual or personal information but to make each other feel comfortable, to show that you have friendly intentions, are not inclined to start a shoot-out, and that we are all fellow travelers in a world of happy endings. Although small talk does make use of words in the shape of generic phrases (How are you doing, have a great day etc.), the more important communication takes place through pitch, facial expressions and gestures. And these come in many subtle variations which are not always easy to read for non-natives. A good source of study are the standard facial expressions of TV actors, for instance: enthusiastic smiles and cheering=so happy to see you; raised eyebrows and wide-open mouth=astonishment; crooked mouth and wrinkled forehead=amused indignation etc.
Once in a while I feel that I am doing a really good job (after only 30 years) of making small talk. Esp. when I feel really good, I can manage a successful exchange of phrases and both parties walk away laughing joyfully, just like the closing scene of a TV sitcom. However, life is such that it does not matter how often you've done a good job, none of it will help you when you really screw up.
A few weeks ago, my daughter Liana and I had a long day. We were done with our various tasks at the university and still had a number of errands to run in town. Our last stop was to buy a present for the fifth birthday of Lovis, my friend Britta's daughter.  Hmmm, what do five year old girls like to do??? Liana was thinking about something for playing dress-up, or perhaps some nice arts and crafts materials?  Let's go to Michaels, a store with all kinds of hobby, arts and crafts and needle-work supplies. Usually I try to avoid that store because at least half of the inventory consists of tacky crap for nesting housewives and many of the customers and staff have a sense of taste that escapes me. So here we are at Michaels looking around—no, the costumes are dumb, but we discover a whole aisle with colorful foam stuff, choose a little pink cowboy hat (pink is Lovis' favorite color)

Lovis on bike

and some ornaments to glue onto it. It's not that easy—should the ornaments be stick-on or should we choose some from the larger selection that still need to be glued? Well, after some back and forth we decide on a few things and walk toward the check-out counters. The one on the right side is just opening up, the cashier a typical Michaels employee (small, around 50, glasses, practical short hair with a lot of grey, friendly face, no make-up, pear shaped, sensible shoes). She is looking in our direction and we approach her station and pile all the stuff on her counter. Liana has walked ahead a few steps and gazes out into the parking lot, I have my credit card in hand and am already thinking about driving home, completely unaware of the perfect storm that is about to brew. I hear the cashier say something, but I had the impression she was speaking to a colleague. But no, she looks at me expectantly. "Excuse me?' I ask, and she repeats: "Are you related?" I don't immediately understand the question, she repeats it again and adds that we look as if we were related. "Oh, yes, that is my daughter." "Ah" she says, nodding warmly, "mother and daughter. I thought you looked like you're related." Ok, I nod back with the tiniest smile I can muster. What the heck, I think, why would she even care. But I also know that small talk is part of the job description in service jobs like hers and that the managers probably expect it, esp. in this store. By now, Liana has noticed that the process will take a lot longer than expected—each piece is painstakingly picked up, turned around, scanned and placed into a bag—and has wandered back over to the counter hoping to speed up the process. The cashier continues: "You must have a little girl in your house" smiling at us. I hesitate for just a moment with my response, which makes Liana jump in and we both answer at the same time. I know that I said "it's a friend's" but don't know what Liana said. For some unknown reason, our response triggers a wave of emotion in the cashier. She pauses in her task even more frequently (darn it!) and looks at us with great empathy: "That must be so hard. How do you do it…. That would be too much for me. Goodness gracious. And at that age too! I know people do it but I just can't imagine."  Liana and I exchange puzzled glances.  She goes on: "It's hard enough with little kids, and believe me I have raised a couple myself, but twins---my Goodness!" She looks from me to Liana and back to me. So now I find myself here as a pitiable grandmother whose daughter lives in my house with her set of five-year-old twin girls, when all I wanted to do is quickly pay and leave! I am at a loss and look down, fiddling with my wallet, but I don't say anything. Aren't we about done now, and the exit is right over there, in my mind I'm walking out the door already. Plus I don't feel like investing in a long explanation after her whole spiel. I look at the bag longingly in which she just now places the last item and, relieved, get ready to scan my card. But she pauses again and looks at me: "So how do you do it?" I take a breath, throw a helpless glance towards Liana and say as casually as I can, "Well, you just have to do what you have to do." Liana daggers me with an incredulous stare while the cashier nods her head approvingly. I've about had it. I reach for the bag but just then the cashier tears off the receipt. My arm immediately changes course, moving to the pen that's attached to a big plastic daisy and I am poised to sign. Instead of finally putting down the receipt and setting me free, she pauses again and looks at me warmly only to ask the fateful question: "What are their names?" I gasp. My brain draws a complete blank for one or two endless seconds while I dwell on the insanity. Feeble thought fragments bounce off each other. Before I can bring myself to spit out a couple of random names, the cashier whispers, confidentially: "Oh, did you forget?"  Now I feel sorry for her. She must feel like I've been screwing with her and I quickly say: "One of them is called Lovis and I forgot the other one." Liana is making for the parking lot. I say "Thank you", grab my bag and run through the door to freedom and into the fresh air. Liana is only five steps ahead of me but doesn't even bother to hold the door open.
Oh my God, that was about the stupidest thing I could have said! Moaning and groaning we hurry to the car.  
On the way home I could not stop thinking about the fiasco until finally a light came on: When Liana and I spoke at the same time, I had said "a friend's" but the cashier must have heard "twins."  And of course twins are a topic to die for between commiserating grandmothers. I am, however, convinced that any native would have been able to save the situation instead of making it worse. So what is the moral of the story?  Even small talk requires your full concentration. Always respect every exchange and every cashier and give them your full attention. A half-assed attitude will only get you into a big mess. Listen to Karoline!

Lovis and Skyler