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Meine Name sei Kevin

Ihr sucht die Menschen zu benennen
und glaubt am Namen sie zu kennen… (Goethe)

Vor einigen Tagen stieβ ich im Spiegel online auf folgenden Artikel:

            "Lehrerausbildung: Wenn Kevin nervt."

Meine Reaktion war folgender Forumsbeitrag:

Schamlose Etikettierung

Mir tun die Kinder namens Kevin leid in dieser Gesellschaft. Dass der Spiegel mit seinem Anspruch an "Objektivitaet" Vorurteile bestaerkt, verbreitet und indirekt legitimiert ist unverantwortlich. Wann wird man in Deutschland endlich lernen, die Lehren der Geschichte auch praktisch umzusetzen und Etikettierungen zu vermeiden, die bekannterweise der erste Schritt in Richtung Entmenschlichung sind? Gerade die Medien sollten sich bemuehen, ihren Teil beizutragen, damit die Menschen hierzulande sensibler und wohlwollender miteinander umgehen.

Bin immer noch sprachlos. Wie kann ein Journalist einen Jungennamen negativ stigmatisieren? Wem oder was kann so ein Medienbeitrag nützen? Nun können Kinder namens Kevin mit noch gröβerer Selbstverständlichkeit von ihren Mitschülern, Lehrern und überhaupt vom ganzen Umfeld als Problemkinder der Unterschicht und Versager in spe betrachtet und gehänselt werden. Trägt das in irgendeiner Weise positiv zum gesellschaftlichen Zusammenleben bei? Ich sage Nein, nicht nur im Interesse der betroffenen Kinder, sondern auch im Interesse der Allgemeinheit, denn es wird zur 'selbsterfüllenden Prophezeiung.'

Mein Sohn, auch 'ein Kevin,' kann ein Lied von dieser Campagne singen. Zum Zeitpunkt seiner Geburt war der Name in den USA relativ selten. Ich wählte ihn, weil er phonetisch sowie etymologisch gut zum schottisch-gaelischen Nachnamen McKelvy passt. Seit Jahren wird nun mein Kevin wegen seinem schönen Vornamen in Deutschland immer wieder blöd angequatscht. Wie ich das sehe, von Feiglingen, die sich achtlos hinter jeder bigotten Mehrheitsmeinung verstecken und sich da stark fühlen.  Okay, ihr mögt denken: Du lieber Himmel, das ist doch nur ein Witz, das muss man doch nicht so ernst nehmen! Klar, so ist das wohl auch gemeint, die momentane Situation der Anmache kann man auch leicht überspielen, besonders als nicht-deutscher Kevin. Doch erlebe ich das Thema "Kevin" nicht als Einzelfall, sondern als Ausdruck eines gesellschaftlichen Phänomens, das ich einfach mal "Vorurteilsfreudigkeit" nennen möchte:

Vorurteilsfreudigkeit: die Neigung dazu, andere Menschen in vorab negativ bewertete Gruppen einzuordnen und auf diese Negativwertung herabzumindern. Die negativen Wertungen beruhen meist nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern werden übernommen.


Und diese Vorurteilsfreudigkeit ist eine Grundhaltung, die mir in Deutschland mehr als sonstwo auffällt und die ich schon lange nicht mehr lustig finde.

Ich weiss, jetzt sträubt sich wahrscheinlich bei manchen von euch das Gefieder: Wie bitte, von der amerikanischen Perspektive den Moralapostel spielen? Dabei gibt's bei euch doch die schlimmsten Zustände, allein das Thema Waffengewalt ist doch haarsträubend usw. Stimmt. Ist aber ein ganz anderes Thema. Und natürlich gibt es hier wie überall Vorurteile, keine Frage. Nur sind diese an vielen Orten nicht mehr gesellschaftsfähig. Mit dem obigen Artikel wäre eine Zeitschrift in den USA sofort verklagt worden. Die Campagne der "politischen Korrektheit" seit den späten achtziger Jahren hat hier zumindest dazu geführt, dass Vorurteile und Verallgemeinerungen in den Medien und auch in der Alltagssprache verpönt sind. Dadurch nimmt man den anderen eher als vollwertigen Menschen wahr und geht im Schnitt respekvoller miteinander um. Ich bin ganz ehrlich davon überzeugt, dass es diesbezueglich einen blinden Fleck in der deutschen Psyche gibt. Und da stellt sich die Frage, was steckt wohl hinter dem Bedürfnis, Menschen, Länder, "andere" zu etikettieren?

Ich glaube, es ist eine Begleiterscheinung des deutschen Ordnungswahns. Alles und alle müssen so schnell wie möglich in eine riesige mentale Excel-Tabelle eingeordnet und abgehakt werden. Auch wenn es gar nicht richtig passt, egal, Hauptsache rein in die Zelle. Das soll wohl Ordnung in das Wirrwarr der Gedanken und Eindrücke bringen, doch gerade hier liegt das Problem: dieses gedankliche Ordnungssystem entspricht nicht der Wirklichkeit, es ist eine reine Abstraktion, die nur der Wirklichkeit übergestülpt wird. Und dann wird dieses versimpelte Gedankengebilde mit der Wirklichkeit verwechselt und als 'objektiv' betrachtet. Und um Objektivtivität sollen wir uns doch alle bemühen, nicht wahr? Gerade in Deutschland rühmen sich viele ihrer gut informierten und fundierten Sachlichkeit. Dabei sieht die Wirklichkeit sieht ganz anders aus, jedes kleine Ding der Welt zeigt unendlich viele Schattierungen und ist in ständiger Veränderung begriffen. Doch diese unendliche Vielfalt wird durch das Prisma der vermeintlichen Objektivität gar nicht erst wahrgenommen. Was nicht in die mentale Tabelle passt, wird als irrelevant abgetan oder lächerlich gemacht. Und sich lächerlich zu machen ist der schlimmste Alptraum vieler braver Deutschen. In der Folge ergibt sich ein Anpassungsdruck, der viele Menschen, zumindest in der Öffentlichkeit, zu wandelnden Klischees macht, denn durch die Signalwirkung von 'objektiv' erkennbaren und namhaften Dingen und Titeln findet man Anerkennung und so 'ist man wer.' Ein Zeichen davon ist z.B. die Überbewertung von Markensachen, teuren Autos und anderen Statussymbolen, die sich seit Anfang der 80iger Jahre ausgebreitet hat und die sich erschreckenderweise auch drei Generationen später noch immer nicht überholt hat. Ein weiteres Indiz für die deutsche Sucht nach Abstempelung ist die Unart, dass in fast allen Artikeln oder Fernsehberichten Alter und Beruf der Menschen genannt werden. So werden vorgefertigte Meinungen und Vorurteile reaktiviert und das Etikettierungsbedürfnis von vornherein befriedigt.

Untermauert wird diese Tendenz durch eine Systemgläubigkeit, die mit dem Vertrauen auf gut funktionierende demokratische Institutionen die individuelle Verantwortung vernachlässigt und es dem Einzelnen leicht macht, sich in der öffentlichen Meinung gut aufgehoben zu fühlen. Ich denke da zum Beispiel an die altväterliche Tagesschau und die meist unkritische Aufnahme der Medienberichte als transparente Schaufenster in die Welt. Und wenn da ab und zu in den Medien gesagt wird, dass Kevins "Problemkinder" sind, dann wird das wohl richtig sein. Und wenn es im Einzelfall gar nicht stimmt, dann schaffen wir es trotzdem, die Sache so zu sehen, dass das Vorurteil doch noch irgendwie passt und unsere Erwartungen nicht enttäuscht werden. Okay, jetzt kommt der Tabubruch: Hatten wir sowas nicht schonmal? Ich meine diese Tendenz, sich der allgemeinen Meinung anzuschlieβen und gar nicht erst auf die Idee zu kommen, die eigenen Werte von innen heraus eigenverantwortlich zu entwickeln und zu verteidigen? Menschen einfach mit einem Wort, einem Etikett oder einem Klischee abzuwerten? Und kein Problem damit zu haben, dass es in den Medien und im alltäglichen Sprachgebrauch von negativen Stereotypen nur so wimmelt: von Ausländern, Alten, Dicken, Asis, Kopftuchfrauen, Osteuropäern, Harz-4 Empfängern? Kreativere Etikettierungen wie Warmduscher und Weichei sind witzig und geben wenigstens schon mal einen ironischen Fingerzeig auf diese Krankheit, zeugen aber gleichzeitig davon, wie groβ der Reiz ist, sich lustig zu machen und andere auf ein Attribut zu vermindern.

Dieses Thema liegt mir schon seit längerer Zeit auf der Seele, ich wusste aber nicht, ob und wie ich es angehen sollte. Doch letzte Woche wurde ich von einer Studentin dieser erstaunlichen Generation daran erinnert, dass mit der Bildung die Verantwortung wächst, die menschliche Freiheit in der Welt zu erweitern. Damit war die Sache klar. Denn jedesmal, wenn ein Vorurteil nicht ausgesprochen wird, schrumpft es ein wenig, und die menschliche Freiheit wird um ein Quäntchen erweitert. Auch das gröβte Meer besteht aus Wassertropfen. Nicht wahr? J